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Artikel: Wie gehen wir mit Harry Potter um?
Seitdem JK Rowling mit ihren raffiniert geschriebenen Büchern über Harry Potter berühmt geworden ist, haben einige Christen nicht aufgehört schonungslos gegen sie und ihre Bücher vorzugehen. Manchmal fragen Leute mich nach meiner Meinung über die Bücher. Habe ich sie gelesen? (Ja.) Habe ich mir die Filme angeguckt? (Ja.) Sollten Christen in ihren Gemeinden nicht lehren, dass man die Finger von ihnen lassen sollte? (Lesen Sie weiter…)
Was steht eigentlich in den Büchern? Es geht um die Geschichte eines Waisenjungen, der bei Verwandten groß wird, die ihn nicht lieben. Als er noch ein Baby war, hat ein bösartiger Zauberer seine Eltern getötet und versucht, auch ihn zu töten. Wie durch ein Wunder überlebte Harry irgendwie. Aus seiner Begegnung mit dem Zauberer hat er eine Narbe auf der Stirn zurückbehalten. Als der Junge Harry 12 Jahre alt ist, merkt er, dass er ein Hexenmeister ist. Er besitzt angeborene magische Kräfte. Er wird auf eine besondere Privatschule geschickt: eine Schule für Hexer. Dort beginnt er seine 7 Jahre langen Studien, um seine Fähigkeiten und sein Wissen über Magie (echte Magie) weiter zu entwickeln. In jedem ihrer Bücher beschreibt JK Rowling ein neues Schuljahr von Harry. Auf dem Wege trifft er auf einige wunderbare Freunde und macht sich auch einige Feinde. Die Themen, die in den Büchern aufgegriffen werden, handeln von Einschüchterung (Malfoy und seine Bande), Ungerechtigkeit (Snape und andere), Snobismus (reinblütige Zauberer im Gegensatz zu halbblütigen), Sklaverei (die Hauselfen) und von Freundschaft und Treue (Harry, Ron und Hermione und natürlich Hagrid). Die Serie reist durch Harrys Jugendjahre und deshalb kann sich fast jeder Leser leicht mit ihm identifizieren.
Ist Harry nun ein schlechtes Vorbild für die Kinder, die ihn so lieben? Nein. Im Großen und Ganzen ist er sogar ein gutes Vorbild. Er flucht nicht oder sagt Blasphemien. Er trinkt keinen Alkohol und kennt Grenzen im Umgang mit Mädchen. Er stellt sein Geschlecht nicht in Frage. Er nimmt keine Drogen. Er ist Erwachsenen gegenüber niemals unverschämt (wenn auch manchmal etwas kurz angebunden, aber niemals respektlos). So gesehen sind die Bücher für junge Menschen noch eher zum Lesen zu empfehlen als viele andere, die keine Hexerei enthalten.
Aber natürlich ist die Hexerei auch da. Harry ist ein Hexer. Er wird öfter Hexer genannt als Zauberer und ich glaube, dass die Autorin das ganz bewusst macht. Er hat innere Kräfte, die von Geburt an in ihm sind. Er ist kein normales menschliches Wesen (ein „muggle“), sondern eben ein Hexer. Normale Menschen können keine Hexer sein und Hexer können keine normalen Menschen sein. Man ist eben so geboren (, jedenfalls in der Fantasie von JK Rowling).
Magie und Zauberei in der Bibel sind aber etwas völlig anderes. Was in der Heiligen Schrift verboten ist, sind okkulte Aktivitäten, mit denen eine Person sich einem Geist öffnet, von dem sie dann besessen ist. Wenn der Geist erst einmal in einem wohnt, dann wird ihm erlaubt, durch seinen Träger bestimmte Dinge zu tun. Besessenheit durch Dämonen und Kontrolle durch Geister sind nicht im Mittelpunkt der Harry Potter Bücher. Da geht es vielmehr um angeborene natürliche magische Kräfte. Und die sind reine Einbildung – selbst Christen müssen dem zustimmen!
In den Büchern gibt es einen ganz böses Wesen: Lord Voldemort. Er kommt einer besessenen Person noch am nächsten oder er ist so etwas wie ein Geist, der in Menschen wohnt. Jedes Kind, das über ihn liest, weiß, dass er bösartig ist und Menschen verletzt. Hmmm … er ist jedenfalls kein Werbeträger für gute Besessenheit! Voldemort ist eindeutig hässlich, widerlich, gewalttätig und bösartig. Schließlich will er Harry töten. Keinem Leser wird es einfallen, so wie er sein zu wollen.
Aber werden Kinder nicht versuchen Harry nachzuahmen und so zu tun als seien sie Hexer? Wahrscheinlich schon. Im Spiel werden sie Dinge nachmachen, so wie sie Superman und Spiderman nachspielen. Aber sie werden schnell merken, dass es nicht funktioniert. Vielleicht, nachdem sie den ersten Film gesehen haben, legen sie einen Besen draußen auf den Boden, halten ihre Hand über ihn und rufen: „Steh auf!“ Wenn er dann nicht in ihre Hand springt, werden sie vermutlich folgern, dass es die Dinge im Film nicht wirklich gibt.
Aber werden einige Kinder nicht ins Internet gehen und dabei Webseiten finden, die sich mit Magie beschäftigen und so wahre Magie in der modernen Welt kennen lernen? Lassen Sie uns zunächst einmal diese Frage in ihre Einzelteile zerlegen. Ja, einige Kinder werden im Internet nach Informationen über Harry suchen und sie könnten dabei auf Webseiten über Magie in der modernen Welt stoßen. An dieser Stelle werden viele Kinder das Interesse verlieren. Einige Kinder mögen sich aber entschließen, diese Seiten genauer anzuschauen und bestimmte Dinge abbonieren. Das ist durchaus möglich. Könnten einige dann an einem Hexensabbat teilnehmen? Das ist eher unwahrscheinlich. Aber wenn auch nur ein Kind so etwas tut, sind die Bücher dann nicht schlecht? Haben Sie nicht dazu beigetragen, dass ein Kind an einem Hexensabbat teilgenommen hat. … Nun, … sie könnten schon dazu beigetragen haben, ja. Doch die Frage, die wir stellen müssen, ist: Verbietet man etwas (oder predigt man gegen etwas), weil es in ganz wenigen Ausnahmefällen dazu beiträgt, dass jemand auf den falschen Pfad gerät? Ist es denn nicht möglich, dass im Leben der so fehlgeleiteten Person Dinge passiert sind, die viel mehr für ihr falsches Handeln verantwortlich sind? Sollten wir nicht mehr tun, um auf die Bedürfnisse solcher Menschen einzugehen, damit sie gestärkt werden und nicht okkulte Wege versuchen zu erkunden? Wenn wir alles verbieten würden, das schon einmal zum Auslöser für Sünde bei einem Menschen wurde (und genau das wird ja von einigen über Harry Potter gesagt), dann müssten wir buchstäblich jeden Film verbieten, fast jedes Buch und bestimmt jede Illustrierte und jede Zeitung, die in unserer Gesellschaft produziert werden. Auch alles mit einem leicht (oder gar nicht) bekleideten Mädchen. Was wäre, wenn solch ein Bild dazu führt, dass auch nur eine Person ein Mädchen vergewaltigt? Dann jedes Buch, indem ein Ehebruch beschrieben wird. (Was wäre, wenn es dazu führt, dass auch nur eine Person Ehebruch begeht?) Jede Zeitung mit einem Horoskop. (Was wäre, wenn auch nur eine Person, die es liest, davon überzeugt wird, dass es Wirklichkeit ist?) Wir müssten wirklich alles verbieten, mit dem wir gerade nicht einverstanden sind.
Aber tun wir das erst einmal zur Seite und wenden uns den Harry Potter Büchern wieder zu. Sie haben schließlich geistliche Bedeutung. Doch gleiches gilt für Horoskope und ich kenne eine ganze Reihe Christen, die Illustrierte wie „Bild der Frau“ kaufen, obwohl so etwas darin enthalten ist. Warum ziehen wir nicht gegen sie zu Felde? Was wäre, wenn auch nur ein Teenager solche bösartigen Zeitschriften in die Finger bekommt, das Horoskop zum ersten Male liest und dadurch mehr und mehr in den Okkultismus hinein gerät?
Ich versuche aufzuzeigen, wie weit wir davon entfernt sind, konsequent zu sein. Es ist aber auch wichtig festzuhalten, dass dies nicht heißt, dass wir allem Bösen erlauben, sich auszubreiten, weil wir nichts gegen einiges Böse, das schon unter uns ist, unternehmen. Darum geht es mir nicht. Da würde ich mich völlig falsch verstanden wissen. Wir sollten mit den Menschen, mit denen wir Kontakt haben, so zusammen arbeiten, dass sie erst gar nicht das Bedürfnis verspüren, sich mit okkulten Dingen abzugeben. Wir sollten Einfluss auf ihr ganzes Leben ausüben und ihnen so positive Erfahrungen mit dem Leben, mit dem Glauben, der Freude und der Liebe anbieten, so dass sie gar nicht erst auf den Gedanken kommen, sich mit Okkultismus zu beschäftigen.
Und es gibt noch einen weiteren Punkt. Die Harry Potter Bücher entspringen der Fantasie. Sie sind ein bestimmtes literarisches Genre und sollten als ein solches gelesen und gewürdigt werden. Fast alle Leser verstehen, dass es sich um Fiktion handelt und sie wird die große Mehrzahl ihrer Leser in keine okkulten Aktivitäten führen. Auf keinen Fall!
Das Beste, das christliche Eltern tun können, ist, die Bücher zu lesen, den Handlungsablauf zu kennen und dann zu entscheiden, ob sie für das Alter ihrer Kinder geeignet sind. Für sehr kleine Kinder könnten einige der Bilder ein wenig Angst machend sein (der Hund mit den drei Köpfen, der versucht, die Kinder anzugreifen oder der Troll, der versucht Hermione mit einer großen Keule zu erschlagen, z.B.). Wenn ihre Kinder mit solchen Bildern umgehen können, dann sollten Sie die Geschichten mit ihren Kindern lesen und über sie sprechen. Sprechen Sie auch über die in den Büchern beschriebene Magie und betonen Sie, dass sie reine Fiktion ist. Stellen Sie heraus, dass die Magie in den Büchern nicht die Magie ist, von der die Bibel sagt, dass sie verkehrt ist. Die Magie bei Harry Potter entspringt der Einbildung und ist seit Geburt in der Person. Sie ist nicht etwas, was normale Menschen wie Sie und ich tun können. Sie ist ganz anders als die böse okkulte Magie der Bibel, bei der die Leute den bösen Geistern erlauben, von ihren Körpern Besitz zu ergreifen und dann durch sie bestimmte Dinge zu tun. Fragen Sie ihre Kinder, ob Gott möchte, dass wir Hexer oder Hexen sind. Natürlich werden sie darauf mit „nein“ antworten. Lassen Sie die Familie sich mit den Büchern beschäftigen. „Aber was ist, wenn man Magie benutzt, um Gutes zu tun? Geht das?“ Solche Fragen kann man mit älteren Kindern diskutieren. Hier haben Sie eine gute Gelegenheit zu besprechen, ob der Zweck die Mittel heiligt (nebenbei gesagt: nein, falls Sie sich unsicher sind). Dann könnten sie herausstellen, dass jedes Mittel schon selbst ein Zweck ist. „Was wäre, wenn Jesus wiederkäme, bevor du den guten Zweck erreicht hast? Was wäre, wenn du schlimme Dinge tätest, um damit am Ende Gutes zu erreichen, aber dann stirbst du, bevor du das Gute je getan hast? Dann hättest du nur Böses getan! Nein, der Zweck heiligt nicht die Mittel. Niemals!“ Wenn Sie ihre Kinder sich mit Materialien wie diese Bücher beschäftigen lassen, können Sie alle möglichen bedeutungsvollen ethischen Diskussionen führen, die ihren Kindern helfen zu reifen.
Und dann sollten Sie selbstverständlich Zeit mit den wunderbaren Dingen dieser Bücher verbringen: mit der Freundschaft und Treue, die Ron dazu bringt, dass er sich für Harry im ersten Buch opfert (auf dem Riesenschachbrett – glücklicherweise stirbt Ron nicht, aber es wäre möglich gewesen). Reden Sie über die Liebe, die nie aufgibt, wie bei Harrys Mutter zu Harry oder bei Harry zu seinen Eltern. Sprechen Sie über Liebe in der Familie und ihre Wichtigkeit. Diskutieren Sie, wie schlimm es ist, andere zu diskriminieren, wie es die reinblütigen Magier Familien mit den halbblütigen Magier Familien tun, wenn sie ihnen mit Verachtung begegnen. Thematisieren Sie Kindesmisshandlung (Vernachlässigung und Mangel an Liebe), die Harry immer dann erfährt, wenn er in der Familie seines Cousins ist. Erklären Sie, warum das so schlecht ist. Holen Sie aus den Büchern so viel wie möglich heraus. Beschäftigen Sie sich als Christen lieber mit den Büchern als dass sie von ihnen die Finger ganz lassen!
Wie gehen wir also mit Harry Potter um? Benutzen Sie die Bücher mit Weisheit. Wissen Sie, was in ihnen steht. Betrachten Sie sie mit der ganzen Familie. Gewinnen Sie viel Gutes aus den Büchern. Und dann noch ein letzter Rat: Haben sie Spaß an ihnen!
Aus: Jim Reiher: Confessions of a Christian Magician, pp.105-107. Unveröffentlichtes Manuskript. Mit freundlicher Genehmigung des Autors. (deutsche Übersetzung: Peter R. Dommel)